Fastenwandern im Schwarzwald: Der Tagesablauf

6:15 Uhr bis 6:45 Uhr: Aufstehen

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So, oder so ähnlich läuft jeder Fastenwandertag ab: Ich stehe ziemlich früh auf, etwa um 6:30 Uhr. Anschließend genehmige ich mir eine Dusche die warm beginnt und kalt endet zur Kreislaufanregung. Wahlweise kann man sich auch einer so genannten „kalten Waschung“ unterziehen. Dabei benetzt man mit einem kalten Waschlappen erst die Außen- dann die Innenseiten der Beine, dann Bauch und Brust, dann Außen- sowie Innenseiten der Arme und schließlich das Gesicht. Diese Methode ist tatsächlich ziemlich effektiv, um den Kreislauf in Gang zu bekommen. An Tag 2 habe ich damit allerdings noch keine Probleme. Nach dem Zähneputzen (Zunge nicht vergessen! Die kann ziemlich krasse Farben annehmen beim Fasten!) ziehe ich mich ganz leger an, weil es ja eh demnächst in die Wanderklamotten geht. Dann öffne ich die Terrassentür und belebe Körper und Geist mit der eisigen Schwarzwaldnachtluft. Brrrrr. Schließlich überbrücke ich noch ein bisschen Zeit mit Lesen oder Aufschreiben meiner Gedanken.

7:30 Uhr – Morgentee

Pünktlich um 7:30 Uhr verlasse ich das Zimmer mit Thermoskanne und SIGG-Flasche unter dem Arm, denn um diese Uhrzeit wird das Buffet eröffnet. Das Hotelpersonal stellt uns im Gruppenraum heißes Wasser für Tees oder Ingwerwasser zur Verfügung. Alle anderen Utensilien wie frische Zitronenschnitze, Ingwerstückchen, Honig, Heilerde, Leinsamen, unzählige verschiedene Teesorten etc. stehen auch schon bereit. Neben mir gibt es noch einen anderen Frühaufsteher in der Gruppe. Wir tauschen uns morgens kurz über unser Befinden aus, viel Tiefschürfendes wird zu dieser Zeit nicht erzählt. Ich fülle als erstes meine Thermoskanne mit einem Tee meiner Wahl (also Beutel + Wasser, klar) und in die SIGG-Flasche stecke ich eine Zitronenschnitz sowie ein paar Ingwerstückchen. Darauf kommt heißes Wasser, das im Laufe der Wanderung zu einem wohlschmeckenden Kaltgetränk runterkühlen wird. Nun rühre ich mir in ein großes Glas Wasser einen Löffel voll Heilerde ein, wahlweise grün oder grau. Die Heilerde soll einen säubernden Effekt auf den Magen-Darm-Trakt ausüben (ich wusste doch, dass an dem Sprichwort „Dreck reinigt den Magen“ was dran ist!) und soll außerdem – fragt mich nicht wie – die im Fastenstoffwechsel entstehenden Säuren neutralisieren. Ich trinke also das Erdwasser, das gar nicht mal so übel schmeckt wie man vermuten sollte, schnell aus und knirsche anschließend ein wenig mit den Zähnen. Und jetzt kommt endlich das Schöne, nach der vielen Arbeit und der Erde, nämlich eine Tasse Schwarztee mit einem Löffel Honig. Hmmmmm, darauf freue ich mich immer schon abends vor dem Einschlafen. Ich erwähnte doch sicherlich schon, dass Kaffee und Alkohol während des Fastens tabu sind, oder? Dieser Schwarztee mit Honig ist somit die einzige Sünde, die einem einmalig an jedem Fastentag erlaubt ist. Langsam trinke ich das koffeinhaltige sündig-süß schmeckende Gebräu mit der Gewissheit, dass dies vorerst auch wieder die letzte Tasse Tee war. Langsam trudeln auch die anderen am Tisch ein. An Tag 2 unterhalten wir uns natürlich zwangsläufig alle darüber, wie das Glaubern am Vorabend geklappt hat. Fastende sind schon wirklich ein lustiges Völkchen. Mit nahezu völlig Fremden redet man wie selbstverständlich und zwangslos über so intime Dinge wie die Ausscheidung. Und das in aller Ausführlichkeit. Das erinnert mich ein bisschen daran, wie junge Mütter mit großer Sach- und Fachkenntnis über den Stuhlgang ihrer Kinder reden. Ja normaaaaal, wie der Rheinländer sagt, oder?

8:30 Uhr – Frühstückssaft

Etwa um 8:00 Uhr trudelt auch Aloisia ein, aber das Programm geht erst richtig um 8:30 weiter. Dann begrüßt uns Aloisia mit den Worten: „Guten Morgen liebe Fastengruppe“ und wir antworten brav: „Guten Morgen liebe Aloisia“. Dann kommt die Befindlichkeitsrunde. Jeder erzählt kurz, wie es ihm ging und/oder geht. Die häufigsten Statements (Gedächtnisprotokoll):

  • Einlauf klappt gut. (Mit Abstand die häufigste Aussage)
  • Einlauf klappt nicht, ich muss noch üben/glaubern
  • Ich habe schlecht geschlafen/Ich bin häufig aufgewacht/Mein Schlaf war ganz oberflächlich
  • Ich fühle mich schwach/schummerig/flau
  • Mir ist übel/flau
  • Ich habe Muskelkater
  • Meine Schmerzen sind weg/stärker
  • Ich habe vom Essen geträumt
  • Mir geht es super (wurde am Ende der Woche mit Abstand am häufigsten genannt)

Aloisia hat immer für jedes Wehwehchen einen guten Tipp oder zumindest eine Tee-Empfehlung parat. Mir geht es an Tag 2 (noch) super, ich brauche also keine Hilfsmittel. Nun wird der frisch gepresste Saft in die Gläser eingeschenkt und verteilt. Die Karaffen stehen schon seit einiger Zeit auf der Anrichte und uns läuft das Wasser im Mund zusammen. Diese Säfte sind wirklich extrem lecker und es ist häufig so viel Fruchtfleisch darin, dass man fast schon glaubt zu essen. Bevor wir jedoch trinken (bzw. löffeln!) dürfen, erzählt uns Aloisia noch eine Weisheit zum Tag. Manchmal ein Gedicht, ein Spruch oder sogar eine kleine Geschichte. Anschließend löffeln wir schweigend unseren Saft. Ich bin den ganzen Morgen bereits darauf bedacht, dass ich nicht zu viel trinke, damit ich bei den Wanderungen nicht pinkeln muss. Dank meiner Blase aus Stahl und meinem wohl kontrollierten Trinkverhalten musste ich tatsächlich kein einziges Mal hinter die Büsche.

Nach dem Saft sind wir entlassen und dürfen noch einmal kurz auf unser Zimmer, um uns für die Wanderung zu präparieren. Mein Rucksack ist schnell gepackt mit Thermoskanne, Sigg-Flasche, Taschentüchern und ein paar Extra-Handschuhen. Meine Wanderklamotten bestehen aus langer Unterhose, Skihose, Funktions-T-Shirt, Funktions-Longsleeve, warme Outdoorjacke, Mütze und Handschuhe.

9:30 Uhr – Auf zur Wanderung

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Etwa um  9:30 Uhr treffen wir uns alle vor dem Hotel um zur Wanderung aufzubrechen. An den ersten beiden Tagen wandern wir direkt vom Hotel aus los. An den letzten drei Tagen fahren wir mit den Autos zu anderen Wanderrouten. Die Wanderungen dauern zwischen 3 und 4 Stunden und sind – in meinen Augen – ziemlich anspruchsvoll, aber das ist toll, weil nämlich ab der ersten Minute Wandern jedes Kümmernis und jede Malaise vergessen ist. Bei einem Puls von 150 und einem nicht enden wollenden Anstieg vor Augen vergisst man ganz schnell, dass man ja eigentlich ein bisschen schwächlich ist und „Ich hab‘ Kreislauf“ und überhaupt …. Der Schnee, eisiger Boden und steile Anstiege sowie rutschige Abstiege machen die Halbtagestouren für uns Fastende zu einer echten Herausforderungen, aber es macht wirklich Spaß und wir gelangen zu unglaublich schönen Orten, wie z.B. zu einem gefrorenen Wasserfall (Bilder folgen). Auch schweigen wir bei den Wanderungen regelmäßig, allerdings nur für 15 Minuten. Meinetwegen hätten wir mehr/länger schweigen können (wer hätte das von mir gedacht?).

13:30 Uhr – Mittagssuppe

Die Wanderungen enden meist zwischen 13:00 Uhr und 13:30 Uhr. Dann kommen wir erschöpft, aber glücklich und mit roten Köpfen zum Hotel zurück, um die erste Suppe des Tages zu uns zu nehmen. Am Mittag dürfen wir dies légère tun, also dabei quatschen. Gleichzeitig füllen wir unsere Thermoskannen für’s Zimmer wieder mit Tee auf, nehmen uns stilles „Black Forest“-Wasser mit und der ein oder andere befüllt mit dem Teewasser auch seine Wärmflasche (ich war so „clever“, und habe mir gleich einen billigen Wasserkocher für’s Hotelzimmer von zu Hause mitgenommen).

Nachmittag – Freizeit und Yoga

Nun ist Freizeit. Die Streber erledigen jetzt schon ihren Einlauf, die ganz Faulen schlafen erst einmal ’ne Runde, die Agilen verschwinden gleich in den Wellnessbereich. Zu den Zweiteren zähle ich mich am Anfang, allerdings merke ich recht schnell, dass mir das schadet. Nach dem Mittagsschlaf ist mir nämlich kalt, mein Kreislauf ist im Keller und abends kann ich nicht mehr richtig einschlafen. Da halte ich mich lieber wach, z.B. mit Bahnenschwimmen im schönen Schwimmbad. Am Nachmittag ist es auch Zeit für einen Leberwickel. Dazu legt man sich erst ein auf Wärmflaschengröße gefaltetes feuchtes Tuch auf die Leber, darauf kommt ein größeres trockenes Tuch, darauf die warme Wärmflasche und schließlich wickelt man einen langen Schal um das Ganze und legt sich hin. So soll man nun mindestens eine halbe Stunde lang ruhen um den Leberstoffwechsel zu aktivieren. Die Leber hat nämlich beim Fasten ganz schön was zu tun. Wenn man direkt danach in die Sauna geht – das Hotel hatte einen super Wellness-Bereich -, sieht man ziemlich komisch aus, weil man nämlich einen sehr großen knallroten Fleck auf dem Bauch in Lebernähe hat. Man kann sich aber auch durch einen Saunabesuch den Leberwickel gleich ganz sparen.

Wei die Gruppe so groß ist, wird sie für das Yoga- und Mediationsprogramm aufgeteilt in zwei Gruppen. Jede Gruppe darf an zwei Spätnachmittagen unter Anleitung von Aloisia Yoga machen und meditieren. Los geht es um 17:15 Uhr mit den „Fünf Tibetern“. Das sind 5 gymnastische yoga-ähnliche Übungen, die alle Chakren (ist mir nicht ganz klar geworden was das ist, Energiezentren oder so) aktivieren sollen und ideal sind für den Start in den Tag. Ich habe das an meinen letzten beiden Fastenwandertagen ausprobiert und es stimmt. Die „Fünf Tibeter“ sind super am Morgen! Danach geht es mit klassischen Yoga-Übungen (eine Auswahl) weiter. Anschließend meditieren wir noch 10 Minuten lang, indem wir auf eine Kerze schauen und mit jedem Ausatmen von 1 bis x zählen. Ich muss sagen, dass mir dieses ganze Yoga- und Meditations-Gedöns so richtig gut getan hat. Ich suche mir gerade ein Yoga-Angebot in Stuttgart und hoffe, dass ich das dann einmal pro Woche weitermachen kann.

19:00 Uhr – Abendsuppe

Um 19:00 Uhr gibt es dann die letzte Mahlzeit am Tag im Gruppenraum. Die Suppe nehmen wir wieder schweigend ein. Außerdem sollte man am Abend sein zweites Glas Heilerde trinken. Ein wenig bleibt man noch sitzen und unterhält sich, aber die meisten verschwinden kurz nach dem Essen mit frisch gefüllter Thermoskanne aufs Zimmer, weil es noch einen furchtbar wichtigen Tagesordnungspunkt gibt, den man an den ersten drei Fastentagen auf jeden Fall täglich und ab dann mindestens alle zwei Tage durchführen sollte: Der Einlauf!

Und mit diesem Cliffhanger ende ich hier! Der Einlauf ist so wichtig, dass ich ihm einen eigenen Artikel widmen werde. 😉

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