Fleischlos glücklich – oder fleischlich glücklos

31122009113Gestern haben wir den Film „We feed the world“ angeschaut. Ich hatte ja schon hier angekündigt, mich unter anderem anhand dieses Films mit dem Thema Vegetarismus noch einmal auseinander zu setzen. Der Filme war ziemlich kurz (was? schon vorbei?) aber auch ziemlich gut. Eigentlich handelte er übergwiegend von der globalisierten „pflanzlichen“ Agrarwelt und hat ganz kritisch die  Zusammenhänge der Nahrungsversorgung der Welt beleuchtet.

  • Sehr interessant, dass die Bauern in Marokko z.B. durch die ganzen Agrar-Subventionen in Europa auf ihren Märkten billigeres europäisches Obst und und Gemüse kaufen können, als das im Heimatland prouzierte (trotz besserer Witterung und Mini-Löhne).
  • Auch interessant, dass in Brasilien große Flächen Urwald gerodet werden, um genetisch veränderte Roundup-Sojapflanzen anzupflanzen, die dann in Europa als Tierfutter verarbeitet werden. Und nebendran verhungern die Leute …
  • In Rumänien floriert der Anbau von gentechnisch verändertem Gemüse (vor allem zur Saatguterzeugung), das allerdings nur schöner aussieht, aber schlechter schmeckt. Das Schlimme ist, dass diese Hybridpflanzen ab der 2. Generation unfruchtbar werden, also keine brauchbaren Samen mehr hervorbringen. Die Bauern müssen also immer wieder von den Saatgutproduzenten neue Samen kaufen und machen sich dadurch (auch mit hohen Patentgebühre) sehr abhängig.
  • In Wien wird täglich so viel Brot vernichtet (etwa 2 Tage alt, nicht verdorben!), dass man damit ganz Graz einen Tag lang versorgen könnte.
  • Fische, die innerhalb der Großfischerei gefangen werden, hängen oft stundenlang (tot) in den Netzen, bis sie endlich raufgezogen und weiterverarbeitet werden. Die mindere Qualität ist daran zu erkennen, dass die Kiemen nicht mehr rot sind und dass der Fisch schlaff herunter hängt. Ein frischer Fisch hingegen ist ganz fest und starr.

Aber eigentlich wollte ich mir ja „Anregungen“ zum Verzicht auf Fleisch holen. Die habe ich auch bekommen. Es wurde eine klassische Geflügelproduktion gezeigt. Wie 50.000 Hühnereier pro Tag in Bebrütungsanlagen gesteckt werden, wie dann die Küken auf engstem Raum gemeinschaftlich in Kisten schlüpfen. Die Verpackung der Tiere und „Ausbringung“ in großen Ställen, damit sie dann innerhalb von kürzester Zeit (mit guten Mastgenen ausgestattet) zu fetten Brathähnchen heranwachsen. Die Schlachtung selbst war dagegen fast harmlos (nach Aufhängen der Hühner über Kopf  folgte die rasche maschinelle Enthauptung), die Fabirkanlagen, auf der die Verarbeitung dann abläuft, war ziemlich krass. Was mich am meisten schockiert hat, war dieser Massenbetrieb. Diese Unmgengen von Tieren wurden als reine Objekte behandelt und über Fließbänder durch eine riesige Fabrik verfrachtet. Jörg fragte sich: „Wer konstruiert solche Maschinen?“. Wahnsinn. Mir war schnell klar, dass ich auf solche Art „produziertes“ Geflügelfleisch nicht mehr essen möchte. Ich würde eher – und das ist mein Ernst – mit eigenen Händen ein Freilandhuhn, dem ich vorher einen Namen gegeben habe, töten, also so ein armes Massenprodukt zu essen. Also: Kein Huhn mehr!

Über die Schweine- und Rindermast wurde in „We feed the world“ gar nicht berichtet. Hierzu habe ich mich dann noch mal separat im WWW auf die „perverse Suche“ nach Dokumentationsmaterial gemacht. Ich spare es mir hier, die konkreten Links auf die einschlägigen Filmbeiträge zu setzen. Jeder, der sich über die Situation in deutschen Schlachthöfen (trotz neuer EU-Verordnung!) informieren will, wird das entsprechende Material spielend leicht finden. Ich will auch gar nicht ausführen, was ich gesehen habe. Das sollte sich jeder selbst anschauen. Mein Fazit ist jedenfalls: Kein Rind und kein Schwein mehr!

Und was vielleicht auch noch interessant ist: Bio oder Nicht-Bio spielt – zumindest hinsichtlich des Schlachtens – keine Rolle. Es ist völlig Wurscht (!), ob die Tiere vorher ein glückliches Bio-Landleben hatten: Das Bolzenschussgerät (oder seine Anwendung) funktioniert bei Bio-Rindern nicht zuverlässiger als bei Nicht-Bio-Tieren …

Also dann weiterhin: Guten Appetit. Oder einfach mal: Augen auf!

Übrigens: Sojaprodukte enthalten alle essenziellen Aminosäuren (die der Körper nicht selbst synthetisieren kann). Der gefürchtete Vitamin-B-12-Mangel bei Vegetariern ist eine „urban legend“ und selbst wenn nicht, könnte man sich dieses B-Vitamin auch künstlich zuführen. Übrigens enthalten milchsauer vergorene Produkte wie Sauerkraut und Milchprodukte auch Vitamin B 12. Einen möglichen Eisenmangel könnte man hin und wieder mal beim Hausarzt kontrollieren lassen, aber auch hier gibt es viele pflanzliche Nahrungsmittel, die Eisen enthalten. Besser resorbiert wird Eisen übrigens immer, wenn man Vitamin-C-haltige Nahrungsmittel dazu isst.

8 Gedanken zu „Fleischlos glücklich – oder fleischlich glücklos

  1. Ich hab da mal ’ne Anmerkung:

    Gentrechnisch veränderte Pflanzen müssen per Gesetz unfruchtbar sein, damit sich das böse veränderte Erbgut nicht unkontrolliert in der Natur ausbreitet. Die Gentechnik wird meist per se verteufelt, ich denke aber, man muss da genauer differenzieren. Wenn man es schafft, dass Mais zum Beispiel dank Gentechnik mit deutlich weniger Pestiziden auskommt, dann hat das durchaus Vorteile. Oder denk an „Golden rice“, der hat per Gentechnik beta-Carotin in sich und sorgt dafür, dass weniger Kinder mit Mangelernährung durch einseitige Ernährung mit Reis erblinden.

    Was das Vitamin B12 angeht: Der menschliche Körper verbraucht nur eine sehr kleine Menge Vitamin B12, er hat da nämlich eine tolle Resorptionsrate. Wenn ein Mensch also einen vollen B12 Speicher hat und keines mehr zuführt (Rohkostveganer zum Beispiel), dann kann es unter Umständen erst nach über 15 Jahren zu einem Mangel kommen, der ist dann dafür umso dramatischer. Ganz schlimm ist, wenn Kinder keine Chance bekommen überhaupterstmal B12 zu bevorraten, weil ihre Eltern teils abstruse Ernährungsvorstellungen haben. Aber wie du schon sagtest: ab und an Sauerkraut oder Joghurt und das passt schon.

    Und zum Schluss: Soja enthält extrem potente Allergene, die auch noch eine Menge Kreuzallergien auslösen können. Ich denke, es ist keine gute Idee, Kindern große Mengen Soja zu geben (besonders nicht Kindern, die eh schon zu Allergien neigen – statt Kuhmilch zum Beispiel).

    viele Grüße

    Tina, die auch nur sehr sehr sparsam Fleisch ist

  2. Hallo Simone

    ich möchte Dir und den Lesern hier noch den Film Earthlings empfehlen:
    http://video.google.de/videoplay?docid=3664359489218547625#

    Dabei noch ein Gedanke: Was mich wirklich immer wieder verwundert, sowohl im Freundeskreis als auch größere Gruppen betreffend, also gesellschaftlich, ist folgendes: Obwohl mittlerweile jeder über Nachrichten oder Zeitung mehr oder weniger in Kenntnis über die katastrophalen Zustände in der Massentierhaltung ist, ändert sich das Verhalten so gut wie gar nicht. Ignorieren, wegschauen, trotz des Leids und des offensichtlichen Unrechts… Wie erklärt man sich das? Ich bin noch zu jung, aber trotzdem kommt mir das irgendwie bekannt vor.

    Liebe Grüße, Thorsten

  3. Hi Tina,

    danke für Deine Anmerkung. Ich weiß gar nicht, ob ich das beruhigend finden soll oder nicht. Grundsätzlich bin ich (als Biochemikerin) auch nicht so schrecklich gegen Gentechnik. Aber dass irgendwelche armen Bauern für optisch aufgeblasene Gemüse dann jahrelang Patentgebühren zahlen müssen, finde ich nicht so toll…

    Mein Kind bekommt übrigens keine Sojamilch und „muss“ nicht vegetarisch leben. Allerdings bin ich , was die Allergene betrifft, eh der Meinung, dass „viel Schmutz“ und früher Kontakt mit allen möglichen Fremdstoffen eher hilft, Allergien zu vermeiden. Allerdings habe ich gut reden, weil wir bisher (in unserer Familie) von Allergien etc. verschont geblieben sind.

    Viele Grüße,
    Simone

    P.S.: Thorsten, boah, der Film ist ja richtig lang. Ich werde ihn mir sicher noch anschauen, aber nicht mehr heute Abend!

  4. hmm… & was ist dann mit Wild? Ist es politisch korrekt ein freies Reh, das ein Försterr abgeknallt hat, zu essen? Oder werden die heute ohnehin nur mehr in Farmen gezüchtet?

  5. Hm, gute Frage. Soweit ich weiß, müssen Förster ja die Zahl der Tiere in ihren Revieren durch Abschuss regulieren. Und diese Wildtiere werden ja nicht primär im Wald geduldet, um dann irgendwann leckeren Rehrücken zu haben. Oder doch? Ich halte es schon für wenigstens politisch korrekter, Wild (das auch in der Wildnis gelebt hat) zu essen. Werde ich aber voraussichtlich auch nicht mehr tun …

  6. Ich denke die Sache mit dem Umdenken ist der Punkt. Irgendwie kommen die Leut nicht darauf, dass das Huhn auf ihrem Teller eine ähnlich grausame Geschichte hat, wie das was sie in Filmen sehen. Dann haben wir ja auch noch die Geiz ist geil Geschichte. Billig kaufen, ist nun mal angesagt. Wenn ich ein Bio Huhn kaufe, dann kostet es mich um die 20 €, ALDI hat da deutlich günstigere Varianten. Ich meine das nicht als Entschuldigung, im Gegenteil es entsetzt mich. Für alles was wir hier billig erwerben bezahlt irgendwo jemand den Preis. Ob es die Sojaproodukte betrifft, oder die in Kinderarbeit hergestellten T-Shirts. Die meisten Menschen fressen lieber die Paraquat verseuchte Ananas für 1,95 €, als 6 € für ein Bioprodukt zu bezahlen. Und das obwohl bekannt ist, das die Produzenten die Arbeiter ohne Schutzkleidung diesen Mist sprühen lassen. Was zu Hautverbrennungen und Blindheit führt. Earthlings ist ein Film der wirklich hilft zum VegetarierIn zu werden.
    Alles Liebe
    Karin

  7. Haha, das ist echt gut!

    Wahrscheinlich spenden Normal-Einkäufer nur deshalb mehr, weil sie so ein schlechtes Gewissen haben, weil sie billige und gequälte Obst-, Gemüse- und Fleischprodukte in ihrem Wagen haben. Die müssen halt auch einiges wieder gut machen, gell? (Beichten gehen könnte auch helfen, aber nur den Katholiken)

    Und dass die Bio-Einkäufer nicht so viel spenden/teilen ist ja eh völlig klar: Nach dem Bio-Einkauf ist ja nix mehr im Geldbeutel!

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