Dieser Abstand

Dieses Abstandhalten in einer Welt, die sowieso schon so „auf Abstand“ ist. Alle machen große Bogen umeinander, dabei beäugt man sich, die Blicke sagen: „Komm‘ mir nicht zu nah!“ Und kommt man einem zu nah, dann spürt man fast die Luft kribbeln, wenn der virtuelle Radius penetriert wurde vom Gegenüber, oder schlimmer, wenn man selbst es war, der dem anderen zu nahe gekommen ist. Abstandhalten, kein Körperkontakt, Anonymität, verhüllte Gesichter … Warum soll ich noch lächeln, wenn es keiner sieht, wenn keiner sich die Mühe macht, in meinen Augen nachzuforschen, um zu erkennen, ob sie mitlächeln?

Vielleicht ginge es aber auch anders. Wenn wir uns nicht mehr annähern dürfen, unsere Gesichter nicht mehr zeigen dürfen, warum lachen wir nicht laut? Singen und springen durch die Gegend (natürlich mit Abstand), machen uns laut und deutlich Komplimente – laut und deutlich! – und erzählen uns, wie gerne wir uns in den Arm nehmen und berühren würden.

Und dann machen wir es einfach, wenn es keiner sieht.

Dieser Text ist im Rahmen meines Kurses zum kreativen Schreiben entstanden.

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