Mit dem Kind bei der Zahnärztin.

Alen_zeig Zähne

Foto: Al Fed

Heute war ich mit dem Kind bei der Zahnärztin, zum ersten Mal! Weil das Kind nämlich inzwischen drei Jahre alt ist und alle Zähne im Mund hat, die man in diesem Alter so haben sollte. Ich habe ihre Zähne zwar jetzt schon länger nicht mehr gezählt, aber zuletzt waren es normgerecht 20 süße Milchzähnchen, die sich da nebeneinander aufreihten. Eigentlich ist die Zahl der Zähne nur so lange relevant, wie noch nicht alle da sind. Es ist nämlich ziemlich praktisch, wenn ein Kind noch nicht alle Zähne hat. So kann man jede Gemütsregung, die sich nicht sofort erklären lässt (und das sind im sprachlosen Alter von 0-2 viele!), jederzeit eine Begründung für abweichendes Verhalten vorweisen: „Sie kriegt Zähne! Die Eckzähne sollen ja auch besonders fies sein!“

Der Opa Bänd sagt ja, dass die Zähne des Kindes vom Daumenlutschen ein bisschen nach vorne stehen, wir sähen das nur nicht so, weil wir ja ständig mit dem Kind zusammen sind. Ein bisschen schief und gegeneinander verdreht sind die beiden unteren Schneidezähne tatsächlich und oben stehen sie vielleicht ein ganz kleines bisschen vor. Aber da das Kind ansonsten relativ hübsch ist, fällt dieser Makel nicht so ins Gewicht. Es kann aber ja kein Fehler sein, wenn ein fachkompetenter Mensch sich das einmal anschaut.

Wir waren also heute bei der Zahnärztin. Bei strömendem Regen und dunkelstem Drohkulissenhimmel haben wir uns zu jenem Gebäude vorgearbeitet, das im letzten Jahr etwa zur gleichen Zeit (wenn es irgendwie möglich ist, gehe ich nur genau einmal im Jahr zu unserer Zahnärztin) noch eine entkernte Ruine war. Nur der 5. Stock, wo die Praxis residiert, schien von den Bauarbeiten ausgeschlossen. Ich musste damals – ungelogen – zum Glück ohne Kind mitten durch die Baustelle, vorbei an schwitzenden Bauarbeitern und laut arbeitenden schweren Baugeräten laufen. Eigentlich hätte ich dabei mindestens einen Helm und Sicherheitsschuhe tragen müssen. Zwischendurch habe ich mich in Stockwerke verirrt, von denen ich nicht wusste, ob es wohl unten drunter noch tragende Wände gibt… Aber egal, ich habe es überlebt. In diesem Jahr war das Haus schön neu gemacht (wahrscheinlich muss man sich nun nur noch um besagten 5. Stock sorgen), der Aufzug war gut zu finden und in Betrieb und ich bin wohlgelaunt mit meiner Tochter nach oben gefahren. Siegesgewiss, weil wir am Vorabend das Mundaufmachen „wie eine Eule“ (häh?) geübt haben und das Kind mit der Aussicht auf eine Brezel NACH erfolgreicher Zahninspektion ziemlich motiviert war, wie ich hoffte. Im Wartezimmer gabe es gleich diverse Spielmaterialen und das Kind war gar nicht scheu. „Prima“ dachte ich , währende ich mich gleichzeitig vor meiner eigenen Zahnuntersuchung fürchtete. „Bitte, bitte lass‘ alles gut sein mit meinen Beißerchen…“

Nun kam die Ärztin mit ihrer wahnsinnig beruhigenden Ausstrahlung ins Wartezimmer und verwickelte das Kind gleich in ein Gespräch. „Das klappt ja super!“ dachte ich und hätte schwören können, dass meine Tochter für diese Person den Mund sicher extra weit aufmachen würde. Das Kind bestand aber darauf, so hatte ich es auch mit ihr vereinbart, dass die Mama zuerst untersucht wird. Klar! Ich also gute Miene zum bösen Spiel und habe versucht, beim Posieren auf dem Zahnarztstuhl ein Gesicht zu machen, als gäbe es nichts Schöneres auf der Welt. Mehrfach wiesen wir das Kind albern darauf hin, dass die Mama jetzt ein Lätzchen anhat. Haha! Während die Ärztin zum wiederholten Male der Sprechstundenhilfe jeden meiner Zähne mit jeder einzelnen Füllung diktierte (seit dem letzten Mal hat sich da eigentlich nichts geändert…), versuchte ich dabei möglichst zu grinsen und meine Tochter anzuschielen, die rechts neben uns auf einem IKEA-Kinderstuhl saß. Gleichzeitig betete ich erneut „Bitte, bitte lass‘ alles gut sein mit meinen Beißerchen….“ Nun ergriff die Zahnärztin wieder das Wort und erklärte mir, dass sie „zum Schutz des Kindes, wegen der erschreckenden Geräusche“ meinen Zahnstein nicht per Ultraschall sondern nur manuell (sprich mit einem fiesen Metall-Pieksding) entfernen werde. Mir war das sehr Recht, nicht nur dem Kind zuliebe…. Sie kratzte also an meinem Zahstein herum und ich war immernoch die fröhlichste Mutter der Welt, auch als ich den blutigen Speichel aus meinem Mund lächelnd ausspülen durfte. „Siehst Du, mein Kind, jetzt bin ich schon fertig. Und nun bist Du dran!“ Und schwupps war das Kind wieder im Wartezimmer verschwunden. Aber die Zahnärztin wäre ja nicht Superwoman, wenn sie gleich aufgeben würde. Geduldig kehrten wir gemeinsam zu meiner Tochter zurück und versuchten sie davon zu überzeugen, dass „Mundaufmachen“ echt nichts Schlimmes ist. Sie aber zierte sich mit Begeisterung und fand, dass Mundaufmachen total blöd sei! Das formulierte sie auch so oder ungefähr so. Nach einiger Zeit, die Ärztin hatte sich erwartungsgemäß nicht den ganzen Nachmittag für uns freigenommen, wurde die Geheimwaffe geholt: Jasmin, eine Sprechstundenhilfe, die wahrscheinlich bei kleinen Mädchen einen guten Stand bewiesen hat. Dieses junge Ding mit Brillie im Eckzahn (ist das immer noch in Mode?) versuchte nun mit Engelszunge und pädagogisch wenig subtil meine Tochter zum Mundaufmachen zu bewegen. Zuerst kam der billige Trick à la „Hast Du überhaupt Zähne?“ zum tragen – wenig erfolgreich. Anschließend versuchten wir durch vorbildhaftes Mundaufreißen und Locksprüchen wie „Wie macht denn der Löwe?“ unser Bestes, aber nichts half. Das Kind war der Meinung, der Löwe (ein sehr kleiner) mache „Miau“ und das kann man sagen, fast ohne die Lippen dabei zu bewegen. Meine „Brezelkeule“ half auch nicht, weder in der Variante „Mach mal den Mund auf, dann bekommst Du danach eine Brezel“ noch in der Version „Also, wenn Du jetzt nicht den Mund aufmachst, dann gibt’s auch keine Brezel“. Der Appetit meiner Tochter schien verflogen. Kurz probierte ich auch noch die Tour, dass wir dann eben so lange hierblieben, bis sie sich endlich in den Mund schauen lässt, aber davon rückte ich schnell wieder ab, weil ich das weder mir noch dem Praxisteam antun wollte – für das Kind war das Wartezimmer gar nicht so unattraktiv…

Und jetzt? Die Zahnärztin war schon auf nimmer Wiedersehen mit anderen Patienten beschäftigt und mir war klar, dass wir außer Jasmin niemanden mehr zu sehen bekämen. Ich erkundigte mich zaghaft, wie man denn üblicherweise mit solch behandlungsresistenten Exemplaren von Kind umginge, um mir die plausible Antwort abzuholen, einfach beim nächsten Mal wieder zu kommen. Aha! Innerlich verbuchte ich diesen Termin also schon als erfolglos aber wenigstens vorbei, als Jasmin den Joker aus dem Ärmel zog. Und ich fragte mich, wieso sie diesen Trumpf erst jetzt ausspielte – wir hätten uns das ganze Theater sparen können. Jasmin also ganz kess zu meiner Tochter: „Du darfst Dir was zum Spielen aussuchen, ein Geschenk, aber erst wenn Du den Mund aufmachst!“ PLING! Auf einmal hatte Jasmin die gesamte Aufmerksamkeit des Kindes. Geschenk? Aussuchen? Da war meine Tochter sofort dabei. „Dann musst Du aber auch den Mund aufmachen!“. Also gut, sie ließ sich schon noch bitten, aber langsam aber sicher bewegten sich die beiden Kieferchen auseinander und offenbarten für einige Sekunden ein kleines Gebiss mit 20 Zähnchen. Super! Überschwänglich gratulierten wir dem Kind für so viel Mut. „Und? War das schlimm?“ „Nein!“ so meine Tochter, aber das wusste sie auch schon vorher. Und jetzt das Spielzeug. Ich erinnere mich, dass es bei meinem Augenarzt früher immer richtig schöne Sachen gab, kleine Ringe mit Kusntstoffsteinchen drin zum Beispiel. Jasmin holte die Geschenkkiste und ich war ziemlich enttäuscht. In der Plastikbox wimmelte es nur so von widerlichen Gummi-Insekten. Bäh! Solche Viecher hatte ich zuletzt beim Kindergarten-Hexenfest als Deko auf den Kuchen verteilt. Meine Tochter suchte sich natürlich zielsicher das ekligste Tier aus, eine fiese Kakerlake. Damit war sie aber immerhin sehr glücklich und stellte gleich fest, dass sie sich beim nächsten Mal ein grünes Tier aussucht. „Ja klar, aber erst musst Du den Mund aufmachen!“ „Ja, aber nicht auf dem Stuhl.“ „O.k., aber Du musst die Zähne der netten Zahnärztin zeigen.“

Mit diesem Deal verließen wir die Praxis: Meine Tochter glücklich über eine Gummi-Kakerlake, die sie sich tapfer erkämpft hatte und ich glücklich, weil offenbar alles mit meinen Zähnen (oder dem, was davon noch nicht in Amalgam umgewandelt ist) in Ordnung ist…

Zum Thema „schiefe Zähne“ erfuhren wir noch von Jasmin, dass man vor dem Schulalter mit Zahnspange eh nicht anfängt, dass das Kind ruhig weiter am Daumen lutschen soll und dass die Zähne nicht besorgniserregend schief seien. Gott sei Dank! Wir kommen in einem halben Jahr wieder!

Und als nächstes gehen wir zum Ohrenarzt, weil das Kind seit ein paar Tagen schlecht hört… Wir glauben da ist ein Riesenschmalzpfropf im Ohr oder in beiden, der Kinderarzt hat schon gesagt, dass man vor lauter Ohrenschmalz nicht bis zum Trommelfell sehen kann…. Aber vielleicht schützt der auch vor Mittelohrentzündung, von diesem Übel sind wir bis jetzt verschont geblieben. Naja, und „Hören“ hat ja im Alter von drei Jahren eh nicht oberste Priorität….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Subscribe without commenting