Mit dem Kind beim Ohrenarzt.

Reh

„Ich erwähnte ja bereits, dass das Kind seit einiger Zeit schlecht hört, oder?“

„Hä?“

„Das heißt ‚Wie bitte‘! Es hört schlecht!“

„Wie bitte?“

„Ganz genau!“

Festgestellt haben wir das, weil sich genau solche Dialoge ständig wiederholt haben und zwar auch, wenn es um Eis oder andere schöne Dinge ging. Einmal darauf aufmerksam geworden, ließen wir uns mehrere Reizworte bzw. Reizsätze einfallen, die das Kind normalerweise sofort aufhorchen lässt. Aber wenn man nur ein bisschen leiser als in normaler Sprechlautstärke von Nachtisch und Eis spricht oder vom Nikolaus und Geschenken, hört das Kind leider wenig bis nichts. Es hört vor allem dann nichts, wenn man flüstert.

(Dass das Kind natürlich bei zahlreichen anderen Gelegenheiten ebenfalls nicht[s] hört, ist altersbedingt und hat schätzungsweise keine direkt pathologischen Ursachen, auch wenn es schön wäre, wenn die Trotzphase als Krankheit anerkannt wäre und es dagegen ein rezeptpflichtiges Arzneimittel gäbe.)

Wir haben uns also gesorgt um das Gehör unserers Kindes und langfristig auch um unsere Stimmbänder. Unsere Sorge wurde bereits im Vorfeld etwas gemildert – mit richtigen Hörschäden ist ja nun wirklich nicht zu spaßen – weil der Kinderarzt dem Kind bei der letzten Erkältung bereits außerordentlich viel Ohrenschmalz attestiert hat. So viel, dass ein otoskopischer Blick bis zum Trommelfell auf keinen Fall möglich war. Zum Glück hatte die Besichtigung des Trommelfells noch nie große Priorität, weil das Kind glücklicherweise in seinem ganzen bis dato drei Jahre währenden Leben noch keine Mittelohrentzündung hatte (ob man damit schon ins Guiness-Buch der Rekorde kommt?).

Das Kind hörte also schlecht und wir nahmen an, dass gravierende Mengen Ohrenschmalz Auslöser dieses Missstandes waren. Nicht lange fackeln, dachten wir – das Kind sollte schließlich nicht länger eine gute Ausrede für’s Nichthören haben – wir gehen zum Experten, zum HNO-Arzt.

Mit diesem Mann hatten sowohl Jörg also auch ich schon Erfahrung sammeln dürfen. Jörg als wiederkehrender Privatpatient mit wiederkehrender Mandelentzündung, war sehr zufrieden mit dem Arzt. Er wurde in der Praxis so richtig schön betüddelt und durfte, auch ohne Termin, immer gleich vor allen zweitklassigen wartenden Kassenpatienten ins Sprechzimmer. Ich hingegen als wehrlose KKH-versicherte musste mir mit Stirnhöhlenvereiterung mein Recht auf Antibiotikabehandlung hart erkämpfen. Die Plakate im Sprechzimmer ließen mich damals wissen, dass ich alles andere als Willkommen sei weil ich quasi schon mit der Abgabe meines Kärtchens das Budget für’s Quartal verbraten habe, und so war es dann auch, als der Doktor nach dem Ultraschall meinte, mit meiner Stirn sei alles in Ordnung, ich solle mal lieber zum Augenarzt oder Neurologen gehen. Beim Augenarzt war ich, der fand mein Anliegen komisch und meine Augen super, abgesehen von der bekannten Kurzsichtigkeit. Den Neurologen habe ich mir gespart. Wenn, dann wäre ich sowieso gleich zum Psychologen gegangen … Am Ende habe ich so lange im Wartezimmer das HNO-Arztes lauthals protestierend ausgeharrt, bis ich mit meinen mehr als charakteristischen Stirnhöhlen-Kopfschmerzen noch einmal zum Arzt vorgelassen wurde und er meinte, bevor ich zum CT gehe solle ich dann doch mal ein Antibiotikum probieren. Das half dann auch recht schnell. Sein insuffizientes Ultraschallgerät hatte wohl in meinen verwinkelten Stirnhöhlen den Rotz einfach nicht entdeckt… Aber irgendwie war mir der Mann trotzdem noch sympathisch, komisch, oder?

Auf jeden Fall waren wir der Meinung, dass man beim Ins-Ohr-Schauen und Viel-Ohrenschmalz-Feststellen und ggf. Ohr-Reinigen nicht viel falsch machen kann und vertrauten uns auch in der Angelegenheit unserer Tochter diesem Arzt an. Nach mittellanger Wartezeit wurden wir (alle drei zusammen) vorgelassen zum Doktor. Er rief schon mit ziemlich Unheil-schwanendem Blick erst mich auf (ob er sich an meinen „Fall“ erinnerte? Ich hoffe, dass meine Show damals einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat…) und seine Gesichtszüge entgleisten dann völlig, als wir ihm mitteilten, dass es nicht um mich sondern um unsere Tochter gehe. Ich glaube, dieser Mann hat noch nie in seinem Leben ein Kind gesehen, zumindest nicht als Patient.

Er forderte mich und meine Tochter auf, uns zusammen auf den Behandlungsstuhl zu setzen. Es fehlten völlig die sonst üblichen vertrauensbildenden Maßnahmen wie „Hallo Du junge Dame, wer bist Du denn? Wie alt bist Du denn schon? Was, Du hattest gerade erst Geburtstag? Gehst Du denn auch schon in den Kindergarten?“. Nichts, der Arzt hielt es für besser vor dem Kind zu sitzen und sich unsere Geschichte vom Ohrenschmalz anzuhören. Das Kind hielt sich derweil die Ohren zu. Der Arzt hielt unmotiviert sein „Besteck“ in den Händen und schien nur mit einem vagen Vorsatz behaftet, dem Kind tatsächlich in die Ohren schauen zu wollen. Wir warteten, darauf, dass es in irgendeiner Form losgeht, aber dann sagte er ganz lapidar: „Nee, also wenn sie nicht mitmacht dann hat das keinen Sinn.“

„Hallo? Sie haben es ja gar nicht versucht!“ war ich drauf und dran zu sagen. Aber schnell schob er hinterher: „Ich kann das Kind ja nicht fixieren, wenn dann müssten das die Eltern tun.“ „Ja, aber warum sagen Sie uns denn nicht, wie wir das am besten machen sollen?“ hätte ich am liebsten gesagt, aber er war wieder schneller: „Und selbst wenn ich reinschauen könnte, reinigen kann ich das Ohr so auf keinen Fall!“

Bumms. Wir waren ein wenig perplex, wie der ein oder andere Leser vielleicht nachvollziehen kann… Was glaubt der denn? Dass wir das Kind bereits in Zwangsjacke in seine Praxis führen, am besten noch geknebelt? Ein bisschen Anleitung und Aufforderung hätten wir uns zum Festhalten schon gewünscht, aber der Typ wollte uns offenbar einfach nur loswerden. Dann schob er noch hinterher, dass zu viel Ohrenschmalz ja auch gar keine Krankheit sei. Super! Das hatten wir uns auch schon fast gedacht. Aber wir waren ja nicht da, um uns mit dem Ohrenschmalz unserer Tochter krank schreiben zu lassen, sondern um andere Ursachen für Ihre Schwerhörigkeit auszuschließen.

Letztendlich gab er uns als einzig konstruktive Maßnahme immerhin ein Rezept mit für eine Substanz, die man zum Auflösen des Ohrenschmalzes in das Ohr des Kindes träufeln soll. Dadurch soll sich der Ohrenschmalz verflüssigen und anschließend auswaschen lassen. Meine Mama hat noch von einer anderen Idee gehört: Man soll den Ohrenschmalz trocken föhnen (aber von Weitem! ;-)) bis er krümelig ist und dann das Kind horizontal ausschütteln, damit die Krümel aus dem Ohr rausfallen.

Mit beiden Methoden warte ich noch, bis Jörg wieder aus München zurück ist, schließlich kann ich das Kind ja nicht ganz alleine fesseln und  fixieren…

P.S.: In der Apotheke gab es noch ein interessantes „Nachspiel“. Das Rezept für die Ohrenlösung war auf einem rosa Zettel ausgestellt. Normalerweise bekommt man ja alle Medikamente auf rosa Zettel und für Kinder sowieso von der Krankenkasse erstattet. Ich gab also den rosa Wisch beim Apotheker ab, der holte das Zeug und sagte dann: „Das macht 9,39 Euro.“ Ich darauf: „Was? Das ist doch für ein Kind.“ Er: „Ja, ich würde Ihnen ja auch gerne etwas anderes sagen, aber für die Krankenkasse ist das so, als ob Sie Bomboms [und er sagte das genau so!] kaufen würden. Ohrenschmalz ist ja keine Krankheit!“

„DANKE, das wusste ich schon!“

5 Gedanken zu „Mit dem Kind beim Ohrenarzt.

  1. Also, egal ob man’s liest, oder dir einfach nur zuhört, diese Story ist einfach zum schmunzeln (und ein bisschen kopfschütteln 🙂 ). Jaja, unsere kompetenten Ärzte… häh? Kompetent? Da muss ich mich wohl verhört haben…. 😉

  2. *Daumen hoch* Linda Lubitz gefällt das
    😉

    Nee, aber mal im Ernst, kennst du Ohrkerzen? Was total esoterisches, da wird das Ohrschmalz quasi per Kapillarwirkung ausgesaugt, ganz schmerzfrei. Stillhalten muss man aber trotzdem. Sind vielleicht nur etwas zu groß für die Ohren vom Kind?

  3. Huch, hey Linda! Hallo! 🙂

    Ja, Ohrkerzen kenne ich. Wurde bei mir selbst schon mal innerhalb einer Wellness-Behandlung appliziert. Das hat so schön geknistert und geknastert im Ohr, dass man sich gefühlt hat wie ein brennender Andventskranz…. Ob das Ohr danach befreit war? Ich bin mir nicht sicher. Sicher bin ich allerdings, das das mit dem Kind nicht funktionieren würde. Neee, gar nicht!
    Schade, aber Danke für den Tipp. Wir haben blöderweise immernoch nicht die Ohrenlösung ausprobiert…

    Ich verabschiede mich mal nach München übers Wochenende.
    Tschööööööööööööö!

  4. Also das mit der Kerze hilft nicht gegen zu viel Ohrenschmalz. Normalerweise bekommt man vom Arzt, Tropfen die man dan ab und zu anwenden muss. Lg. Samuel

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