Stuttgart 21, das Kind und die Sitzschokolade

Foto: Al Fed

Das Kind hat zurzeit ein Lieblingsbuch, nämlich eine Art Comic von Käptn Blaubär. In der zweiten Geschichte vom „Stinkenden Holländer“ machen die kleinen Bären vor dem Kühlschrank eine „Sitzschokolade“, gemeint ist natürlich Sitzblockade – was für ein schönes Moers’sches Wortspiel.
Da das Kind sehr wissbegierig ist und man Wissensdurst bei Kindern bekanntlich unbedingt stillen soll, sah ich mich heute beim Abendessen bemüßigt, dem Kind zu erklären, was eine Sitzblockade ist.

Aber wie, verdammt noch mal, soll ich einer fast Vierjährigen den Begriff Sitzblockade näher bringen, ohne ihr das perfekte Mittel an die Hand zu geben, uns in Zukunft in jeder erdenklichen Situation das Leben noch schwerer zu machen, als es eh schon ist?
Zum Glück fällt mir ein, was gerade vor unserer Stuttgarter Haustür passiert und weil im zarten Alter von 4 Jahren nicht zu erwarten ist, dass das Kind plötzlich seinen Hang zum politisch-gesellschaftlich motivierten Protest- und Demonstrantentum gegen Großbaustellen entdeckt, ist Stuttgart 21  (voilá lieber Al!) mit all seinen Folgen  in unserem Haushalt nun endlich einmal zu etwas nütze.

Ich erkläre also dem Kind: „Stell‘ Dir mal vor, da sind Menschen, die möchten nicht, dass ein Bagger zu einer Baustelle fährt, weil sie nicht möchten, dass ein Haus kaputt gemacht wird. Und diese Menschen setzen sich dann mitten auf die Straße, verschränken die Arme und machen ein böses Gesicht, damit der Bagger nicht durchkommt. Dann ist das eine Sitzblockade!“
Das Kind hat die Situation sofort erfasst, hockt sich vor den Esstisch auf den Boden, verschränkt die Arme und sagt mit finsterem Blick: „Bagger, Du darfst hier nicht durch!“

Daraufhin überlege ich mir, ob es wohl eine gute Geschäftsidee wäre, eine Agentur mit dem Namen „Demo-Kids“ zu gründen mit dem Ziel, niedliche Kleinkinder für Protestaktionen und – klar – Sitzblockaden zu vermieten. Unser Kind könnte bei seinem Talent sicher Höchstgagen erzielen.

Sorgen macht mir aber vor allem, dass das Kind womöglich doch mittel- bis langfristig den gedanklich anspruchsvollen Transfer von der Sitzblockade im öffentlichen Raum zur Sitzblockade im privaten Haushalt bewerkstelligen könnte.

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