Über Wortdealer

geboren - aufgewachsen - noch am Leben!

Corona-Time

Wer hätte das gedacht, dass das nächste ‚Major-Ereignis‘ nach der Einschulung des Jungen ca. 1,5 Jahre später in Form einer Pandemie auftreten würde und mich dazu verleitet, einen neuen Blogeintrag zu schreiben. Ich habe ja jetzt so viel Zeit – [what?] – und könnte doch wirklich mal wieder beginnen, diesen Blog hier zu betreiben.

Corona ist für mich als Biochemikerin ein wissenschaftliches Faktum, mit dem zu befassen mir tatsächlich ein wenig Freude bereitet. Andererseits leide ich als Elternteil unter der Situation des ‚Homeschoolings‘ und vermisse Ruhe und Kontemplation. Die angebliche ‚Chance‘, die die Krise für Familien darstellen soll, offenbart sich mir bisher nur in Teilen.

Wobei: Wir spielen jetzt an jedem zweiten Abend gemeinsam ein Gesellschaftsspiel und streiten auch nur ganz selten darüber, welches. Dafür streiten wird insgesamt deutlich mehr, vor allem darüber, ob/wie/wann die von der gesamten Familie vereinbarten Regeln für die Corona-Time eingehalten werden. Mir scheint, dass ich in dieser Familie der einzige Blockwart bin, der auf die Einhaltung der Regeln pocht, damit aber meist grandios scheitert.

Regel 1: Aufstehen vor 9 Uhr (unter der Woche) für alle. Diese Regel funktioniert bei allen, außer dem Kind (13). Das Kind ist inzwischen pubertär und braucht seinen Schönheitsschlaf, deshalb steht es in der Regel erst dann auf, wenn wir vom Spaziergang mit dem Hund [ja, wir haben seit etwas über einem Jahr einen Hund – unglaublich – ein eigenes Thema, das ich hier auch einmal bearbeiten sollte] wieder nach Hause kommen. Ich hoffe, der viele Schlaf zahlt sich aus und die Schönheit stellt sich ein. Natürlich ist das Kind schon jetzt wunderschön!! Der Junge (8) erscheint in der Regel im elterlichen Bett oder der Küche noch bevor der Mann und ich den Hund ausführen. Er kommt nicht mit raus, klar, ruft uns aber dafür während des Spaziergangs mehrfach an, um seine Bäckereibestellung zu ändern oder sich bereits zehn Minuten, nachdem wir weg sind, danach zu erkundigen, wann wir endlich wieder zurück sind.

Regel 2: Vormittags arbeiten alle, die Kinder und der Mann für die Schule und ich für die Uni oder die Arbeit. Diese Regel scheitert bereits an der Definition ‚Vormittag‘. Während das Kind seinen Tag de facto erst am Mittag beginnt, nehmen der Mann, der Junge und ich nach dem Hundeausgang ein zweites Frühstück zu uns, so dass der Schreibtisch selten vor 10 oder 11 Uhr besetzt ist. Geht man davon aus, dass der Vormittag Punkt 12 endet, ist die Arbeitszeit sehr eingeschränkt. Hinzu kommt, dass der Junge sich nur unter Anwendung von Versprechungen und Belohnungen zur Erledigung seiner Schulaufgaben motivieren lässt und zusätzlich auch immer wieder Hilfe – oder sagen wir: Zuspruch – benötigt. Das heißt also, selbst wenn der Junge gerade arbeitet, arbeite ich ganz sicher nicht. Das Kind erhält von den Gymnasiallehrer*innen über Moodle Aufgaben und erledigt diese auch fristgemäß – glaube ich. Ich vermute allerdings, dass dafür nicht das ursprünglich vorgesehene Zeitfenster, der Vormittag, verwendet wird.

Regel 3: Die Kinder gehen zwischen 14 und 15 Uhr gemeinsam mit dem Hund raus. Diese Regel klappt einigermaßen, wobei sich das Kind zunehmend weigert, den Jungen mitzunehmen, weil es sich damit überfordert fühlt, gleichzeitig Bruder und Haustier zu beaufsichtigen und es sich außerdem lieber mit einem Schulfreund zu diesem Spaziergang trifft. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Wenn der Junge aber nicht nachmittags mit dem Hund rausgeht, müssen wir Eltern dafür sorgen, dass er anderweitig einmal am Tag gelüftet wird. Wir bemühen uns nach Kräften, aber die Anreize nach draußen zu gehen sind für alle irgendwie eingeschränkt, es sei denn man möchte sich mit 100 anderen Familien auf einer der fünf großen Wiesen der Parks in der näheren Umgebung zum Familienfußball/-picknick treffen. Wären doch wenigstens die Spielplätze geöffnet, dann könnten sich die die vielen Hausgemeinschaften bei Sport und Spiel etwas besser verteilen.

Regel 4: Mindestens einmal pro Tag (Vor-)Lesen. Die ursprüngliche Idee dahinter war natürlich, insbesondere die Kinder zum Lesen zu motivieren. Ich lese sowieso, der Mann hin und wieder, aber die Kinder … Dem Jungen würde das ganz bestimmt beim lesen Lernen helfen und auch das Kind sollte mittelfristig seinen literarischen Kanon über die Harry-Potter-Bände hinaus erweitern. Das tut es jetzt auch, allerdings in einem Genre, auf das ich hier nicht näher eingehen möchte (Kennt jemand: Anna Todd?). Das gemeinsame Vorlesen mit dem Jungen war an den ersten zwei coronaschulfreien Tagen noch halbwegs engagiert (nach der Methode: Ich lese zwei Seiten, der Junge eine Seite), ebbte dann aber rapide ab. In einem halbherzigen Versuch habe ich begonnen, ihm Momo vorzulesen und bin dabei selbst ganz wehmütig geworden – mehr ist dann aber auch nicht passiert. Wir sind, glaube ich, auf Seite 35 stehengeblieben, noch bevor auch nur ein grauer Herr die Szene betrat.

Regel 5 betrifft die Aufgabenverteilung: Ich putze (wie immer), der Mann macht die Wäsche (wie immer), alle räumen ihre Arbeitsplätze auf (wie nie – und auch jetzt nicht), der Junge gießt die Pflanzen (hin und wieder), das Kind kocht mit dem Mann (kommt vor). An dieser Stelle ist also alles weitgehend unverändert geblieben.

Regel 6: Wir spielen jeden Abend ein Gesellschaftsspiel. Wie bereits geschildert, haben wir diese Regel auf jeden zweiten Abend abgemildert und schaffen das auch halbwegs. Alle sind inzwischen in einem Alter, das es ihnen erlaubt, ohne Tränen zu vergießen auch mal verlieren zu können. Außerdem spielen wir inzwischen Spiele, die über das Niveau des ‚Leiterspiels‘ hinausgehen und somit auch den Erwachsenen Freude machen.

Regel 7: Die Kinder sind ab 20:30 Uhr in ihren Zimmern. Ja, das klappt gut, aber sie kommen halt bis ca. 23:30 Uhr auch immer wieder raus.

Regel 9: Der Junge hat eine Mediennutzungszeit von zwei Stunden täglich. Ich weiß, das entspricht nicht den Empfehlungen der Experten, aber in diesen ‚besonderen‘ Zeiten darf das erlaubt sein. Was soll er denn auch sonst machen? Zu den zwei Stunden täglich kommen hinzu: Einmal Online-Sport, eine Wissenssendung (am liebsten mag er Pur+ oder Checker Tobi), einmal Anton-Lernprogramm (wobei das Interesse daran wieder stark nachgelassen hat). Die Mediennutzungszeit des Kindes kennen wir nicht, aber wir haben das Gefühl, sie hat die Sache im Griff.

Das waren unsere Corona-Regeln, die genau bis jetzt – dem Beginn der Osterferien – Gültigkeit hatten. In den Ferien wird weniger gelernt und gearbeitet und länger geschlafen. Ich hoffe, wir werden jetzt auch mehr mit der gesamten Familie nach draußen gehen, es ist ein Traumwetter gemeldet. Mal schauen, vielleicht werde ich berichten. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass wir eine Pause haben von der Lernbegleitung des Jungen. Das hat uns alle ein wenig strapaziert. Jetzt versuchen wir die Ferien bewusst entspannter anzugehen, zumal ja alles andere als klar ist, wie es anschließend weiter geht. Ich drücke uns die Daumen für ein baldiges Ende dieser Krise und dafür, dass so viele wie möglich gesund bleiben.

Der Junge ist ein Schöler!

Hier passiert ja tatsächlich nicht besonders viel, ich sollte mal wieder aktiver werden, aber wenn ein Lebensmeilenstein geschieht, wie Einschulung, Scheidung oder Tod, dann sollte man doch mal wieder in die Tasten hauen. Diesmal: Einschulung. Der Junge. Er ist jetzt endlich auch groß und kein Kita-Kind mehr.

Letzten Samstag fand die Einschulungsfeier mit allem drum und dran statt, und heute ging es dann mit dem ersten richtigen Schultag wirklich los.
Schon am Morgen wollte der Junge am liebsten alleine gehen, aber der Mann und ich bestanden darauf, dass wir ihn ein erstes – und letztes – Mal zu Schule bringen. Das hat geklappt, auch wenn die Lehrerin sich am Aufstell-Treffpunkt um einige Minuten verspätet hatte. Macht nix, für die Vermittlung der Primärtugenden wie Pünktlichkeit sind schließlich die Eltern zuständig, und da haben wir uns nichts vorzuwerfen. Bei der Abholung war ich dann dran. Geflissentlich hatte ich für die Betreuer im Schülerhaus und die Lehrerin eine Bestätigung in zweifacher Ausfertigung geschrieben und mitgebracht, der es dem Sohn zukünftig erlauben sollte, die 150 Meter Schulweg alleine zu bewältigen. Ich traf also pünktlich (!) zur Abholzeit an der Schule ein und entdeckte mein Kind, das mich mit den freundlichen Worten: „Was machst Du denn hier? Wo gehst Du hin? Ich gehe doch alleine nach Hause!“ begrüßte. Wie nett… Ich erklärte ihm, dass ich doch erst einmal die Zettel bei den Betreuern abgeben muss, damit diese auch wissen, dass er alleine gehen darf. Heute sei das letzte Mal, dass ich ihn abhole, versprochen! „Nein ich gehe alleine.“ war seine Reaktion auf diese Erklärung. Und wo sollte ich hingehen, wenn nicht nach Hause? Ich versuchte ihn mit dem Bäcker auf dem Weg zu ködern und versprach ihm, dass wir doch noch gemeinsam ein Schoko-Croissant kaufen könnten, aber damit war er nicht zufrieden. „Nein, Du gehst in den Kaufland und kaufst ein Schokoladenei – das wollte ich schon lange mal wieder haben – und ich gehe alleine nach Hause!“ So wird man also eben mal nebenbei vom Sohn zum Einkaufen verdonnert. Ich setzte erneut an mir zu erlauben mitzukommen, da ich gar nicht wisse, ob die Schwester ihm die Türe öffnen wird, wenn er klingelt (sie ist gerade etwas unpässlich), aber auch das war ihm egal, er würde dann eben auf mich warten. Nun gut, wir machten uns auf den Weg: Ich zum Kaufland, er nach Hause. Blöd nur, dass wir zu 75% den gleichen Weg hatten. So wechselte ich dezent die Straßenseite und lief parallel zu dem Jungen auf dem gegenüberliegenden Gehsteig. Erst entdeckte er mich gar nicht bei seinem stolzen ersten Alleingang von der Schule nach Hause. Als er mich sah rief er: „Och Mama!“ Und ich: „Ja aber ich muss doch hier lang gehen zum Kaufland.“ Schließlich und endlich musste ich abbiegen und der Junge durfte seinen Schulweg ganz alleine vollenden – ohne seine völlig überfürsorgliche Helikopter-Mutter.

P.S.: Das Kind ist übrigens damals auch bereits ab dem 2. Tag alleine zur Schule gelaufen. Wahrscheinlich liegt den beiden die vorzeitige Selbständigkeit in den Genen. Wo haben sie das bloß her?

Lügen über meinen Vater – John Burnside (Rezension)

Ich habe gerade den autobiografischen Roman „Lügen über meinen Vater“ von John Burnside zu Ende gelesen, eigentlich nur, um das Fundament für den Folgeband „Wie alle anderen“ zu legen, aber es hat sich allein schon für das erste Buch gelohnt.

Burnside beschreibt seine Kindheit in Schottland, die von der Alkoholabhängigkeit und Gewalt seines Vaters geprägt war, der trotz seiner Sucht unter Tage und später auch als Fabrikarbeiter geschuftet hat. Er zeichnet unglaublich genau, wie seine Eltern und seine Schwester Margaret und er in dieser Familienkonstellation mit sich und dem Kosmos außerhalb der Familie umgegangen sind. Dabei ist es besonders faszinierend, wie alle Familienmitglieder verzweifelt versuchen, Wertschätzung und Anerkennung zu bekommen, den Schein zu wahren und das Leben immer wieder doch noch zum Guten zu wenden, vergeblich. Der tyrannische Vater wird hier nicht nur als unberechenbares Monster beschrieben, was man Burnside nicht verübeln könnte. Er verwendet stattdessen viele Zeilen darauf auch die schwachen, emotionalen und nachdenklichen Momente dieses zutiefst gestörten und entwurzelten Mannes zu zeigen, wodurch die ambivalenten Gefühle des Sohnes gegenüber seinem Vater nachvollziehbar werden. John hasst seinen Vater und fasst sogar den Plan, ihn zu töten, er wünscht sich aber gleichzeitig einen Vater, der seiner Rolle gerecht wird, statt seinen Sohn ständig zu demütigen und vorzuführen. John muss immer auf der Hut sein, was ihn schon als Kind zum Meister im „Lesen“ seines Vaters gemacht hat, was dem Roman nun natürlich extrem zu Gute kommt.
Die schwierige Kindheit resultiert zwangsläufig darin, dass sich John selbst in Drogen flüchtet, als junger Mann herumvagabundiert und den Kontakt zu den Eltern quasi abbricht. Seine Mutter stirbt qualvoll an Krebs und sein Vater erleidet schließlich vier Herzinfarkte, bis er beim letzten Mal nach den schlimmsten aller für ihn vorstellbaren Tode stirbt – in der Öffentlichkeit vor fremden Menschen.

Das Buch endet beim Beerdigungs-Kneipenbesuch, bei dem die Kumpels von Johns Vater voll Hochachtung über den Verstorbenen sprechen und die alten Hochstapeleien und Lügen, von denen er gezehrt hat, erneut ausbreiten, was John nicht erträgt. „Na ja, Du wirst ihn schon noch vermissen.“ sagt da einer der Kumpel, und John darauf: „Ich habe ihn mein Leben lang vermisst. Glaub nicht, dass ich jetzt damit aufhören werde.“

Jetzt bin ich gespannt auf den Folgeroman, in dem John Burnside beschreibt, wie er aus seinen psychischen Störungen und seiner eigenen Suchterkrankung herauskommt und schließlich wird „Wie alle anderen“.

Der Junge und die Urzeitkrebse

Der Nikolaus hat dem Jungen in diesem Jahr etwas ganz besonderes gebracht: Ein Paket mit Urzeitkrebseiern und Gehege (Plastikbecken) zum Ausbrüten und Heranzüchten der Tiere. In Wirklichkeit hat der Nikolaus ja MIR dieses besondere Geschenk zugedacht – gab es doch in meiner Kindheit nichts, was ich mir mehr gewünscht hätte, die Urzeitkrebse (Triopse) aus dem YPS-Heft, die auch in anderen Kinderzeitschriften per Annonce angeboten wurden und dort gezeichnet wurden wie echte kleine Wassermänner (siehe hier, damit wurde ich geködert: http://www.ypsfanpage.de/gimmicks/krebse/werbung.jpg). Ich bekam sie nie, aber jetzt wollte ich mir und dem Jungen diesen Kindertraum erfüllen. Ein Set von KOSMOS enthielt alles, was man braucht – außer stilles Mineralwasser und eine Lampe.

Die erste Enttäuschung ereilte uns, als wir im Begleitheft lasen, dass das Wasser erst auf Temperatur gebracht werden muss, bevor man 10-15 Eier in das vom Hauptbecken abgetrennte Aufzuchtbecken einbringen darf, und das dauert eine Weile – quasi über Nacht, mindestens. Bei der weiteren enthusiastischen Lektüre der Anleitung begann dann das Elend. Ich las dem Jungen völlig unbedarft folgenden Hinweis vor:

ACHTUNG! Keine Panik, wenn die Larven und später die Triopse immer weniger werden. Die kleinen Raubtiere sind Kannibalen und fressen sich gegenseitig.

Der Junge schaute mich mit großen Augen entsetzt an, dann verzog sich sein kleines Gesicht und die Tränen strömten herab: „Ich will nicht, dass die sich auffressen!“
Oh Gott, hätte ich diese Warnung doch nie vorgelesen, aber jetzt war es zu spät. Ich wollte retten, was zu retten war, und versuchte dem Kind begreiflich zu machen, dass die Natur vielerlei seltsamer Spielarten aufweist, dass Kannibalismus dort absolut üblich sei und dass die Löwen, die wir ja so mögen, sogar kleine Löwenbabys aufessen, wenn sie vom falschen Papa stammen. Das konnte den Jungen nur kurz von den Krebsen ablenken und ich kann nicht ausschließen, dass die Information zu den Löwen in dem Moment pädagogisch nicht besonders wertvoll war. Und auch das Beispiel der Spinnenweibchen, die die Männchen nach dem Akt verspeisen, konnte dem Jungen die Aussicht auf kannibalistische Urzeitkrebs-Aktivitäten nicht versüßen. Irgendwann schien er sich beruhigt und seinen Frieden mit den Irrungen und Wirrungen der Natur gemacht zu haben und ich glaube, vor allem meine Aussage, dass wir das gar nicht sehen werden, wenn die Krebse sich aufessen, hat ihn beruhigt. Nun bete ich natürlich, dass die Tiere tatsächlich so diskret sein werden, sich vornehmlich nachts, wenn wir schlafen, gegenseitig zu verspeisen.

Nachdem der Junge sich augenscheinlich wieder etwas gefasst hatte, dachte ich unverfänglich weiter laut über unser Aufzuchtvorhaben nach und mir fiel ein und ich sprach’s: „Du, wir sind ja über Weihnachten und danach gar nicht da, was machen wir denn dann mit den Krebsen?“ Der Junge hatte auch keine gute Idee, den Nachbarn kann man die Tiere ja schlecht zumuten und dieses kleine Plastikbecken lässt sich auch nicht gut zu einer Pflegefamilie transportieren. Da kam mir der Geistesblitz: „Weißt Du was, wir bringen die Krebse, die vor Weihnachten noch da sind, einfach in den Neckar.“ Ich dachte, der Junge wäre begeistert, aber er fragte nur trocken: „Ist das Dein Ernst?“ Und ich so: „Ja klar, dann sind die frei, das ist doch toll!“ Und kaum hatte ich mich versehen, sprudelten schon wieder die Tränchen und das Leid war groß: „Aber im Neckar sind doch die Fische und Schiffe, da sterben die doch.“ Mein Hinweis, dass sie sich dort wenigstens so weit aus dem Weg gehen können, dass sie sich nicht gegenseitig aufessen können, verfing leider nicht. Ich hatte das Gefühl, in dieser Angelegenheit wirklich alles falsch gemacht zu haben und gab auf. Der Mann musste retten, was zu retten war und den Jungen wieder beruhigen – wie, war mir egal.

Jetzt bin ich höchst unsicher, ob wir jemals mit der Zucht beginnen werden, aus Angst vor den schrecklichen, unvorhersehbaren Konsequenzen. Der Junge hatte die gute Idee, nur ein Ei zu verwenden, um das Problem des Kannibalismus zu umgehen. Vielleicht wird das die Lösung, wobei ich befürchte, dass die emotionale Bindung zu einem einzigen Urzeitkrebs, der dann womöglich auch noch einen Namen trägt, vielleicht unangemessen groß ausfallen könnte – und wir haben ja noch das Weihnachtsproblem. Und der Neckar wird uns auch nicht helfen, denn das Begleitheft sagt:

ACHTUNG! Niemals darfst du diese Triops-Art in der freien Natur aussetzen! Die Tiere würden bei unseren Klimabedingungen zwar nicht lange überleben, wären aber sehr schädlich für unsere einheimischen Arten.

Und ich frage mich: „Was kann ich eigentlich?“

Das Kind ist am Jymnasijum – und ich hebe ab … wupp-wupp-wupp

Also, ich dachte ja nicht, dass ich noch mal über das Kind schreiben muss. Bei dem Jungen sieht das anders aus, der hat bestimmt noch viele Überraschungen für uns parat. Aber das Kind? Das Mädchen? Seit September geht sie aufs Gymnasium und ich dachte „Jo, jetzt ist sie durch!“. Doch weit gefehlt. Es passieren Dinge, seltsame Dinge, und ich frage mich folgendes:
– War das früher auch so?
– Ist das alles normal?
– Bin ich eine Helikopter-Mutter?

Ich bin schon zweimal „auffällig“ geworden an dieser Schule. Einmal, als ich ein anderes Kind und seine Eltern zum Vorsprechen bei der Schulleitung wegen eines angedrohten Schulausschlusses begleitete und einmal, weil ich mich im Schulsekretariat darüber empört habe, dass verletzte Kinder wiederholt nicht versorgt werden. Einmal verletzte sich meine Tochter auf dem Schulhof und es nahm wohl niemand Notiz – im Nachhinein erfuhr ich, dass sie es auch niemandem sagte, nun gut, selbst schuld. Einmal rief mich das Kind an und sagte, ich solle die Mama eines anderen Kindes anrufen, weil es nicht mehr nach Hause laufen könne. Warum ruft der Lehrer denn nicht die Eltern an? Und jetzt zuletzt kam das Kind extrem humpelnd und am Fuß verletzt von der Sport-AG nach Hause, und sagte, dass der Betreuer nur meinte, es solle ein wenig warten und dann wird es schon besser (was ja vermutlich auch in 90% der Fälle so ist, aber in diesem Fall nicht, denn jetzt ist das Kind stolze Krückenträgerin). Naja, ich wollte meine Bedenken jemandem mitteilen, wozu ich die Gelegenheit ergriff, als ich meine Tochter krankmeldete. Gleichzeitig beteuerte ich der Sekretärin natürlich am Telefon, dass ich ansonsten mit der Schule hoch zufrieden sei, klar. Kurze Zeit später rief mich dann ein aufgelöster Lehrer an, der behauptete, der Lehrer der Sport-AG zu sein und mir versicherte, dass er überhaupt nichts mitbekommen habe von der Verletzung und dass er mindestens genauso irritiert sei wie ich. Dann sind wir ja schon zu zweit. Es stellte sich heraus, dass das Kind seinen Unfall nur einem der Schüler-Betreuer gemeldet hatte, und dieser hat die Sache nicht weiter verfolgt. Kann passieren. Jetzt bin ich ein wenig zerknirscht, weil ich fürchte, dem Pädagogen Unrecht getan zu haben. Andererseits dachte ich wirklich, dass da etwas schief läuft.

Jetzt ist es so, dass ich das Gefühl habe, es geht immer so weiter, dass ich am liebsten an der Schule aufschlagen und mich permanent beschweren möchte: Das Kind hat einen Lehrer, der nach den glaubhaften Erzählungen der Tochter alle Schüler willkürlich drangsaliert und runtermacht, vor allem wenn sie etwas nicht wissen. Daraufhin sprachen das Kind und eine Klassenkameradin mit der Schulsozialarbeiterin. Diese wiederum riet den Kindern sofort, dass sich doch die Eltern zusammentun und mit dem Lehrer sprechen sollten. Hallo? Da frage ich mich doch: Ist dieser Lehrer schon so berüchtigt, dass der erste Rat der professionellen Beratungsfrau an die Kinder ist, doch besser gleich die Eltern einzuschalten? Gibt es denn keinen Schritt der Verständigung, der innerhalb der Schule unternommen werden kann, ohne Eltern? Wen soll ich denn jetzt als aufsteigende Helikopter-Mutter anrufen? Den Lehrer? Die Schulsozialarbeiterin? Die Schulleiterin? Oder gleich das Regierungspräsidium? Oder gebe ich dem Kind morgens vor dem Unterricht einfach einen Löffel Vomex A, damit es ihm nicht so schlecht geht vor Angst?

Und noch ein Vorfall – halb so wild… Aufgrund des Unfalls konnte das Kind die Englisch-Klassenarbeit nicht schreiben. Auf Nachfrage des Kindes, wann es die Arbeit nachschreiben könne, hieß es: „Och, vielleicht gar nicht, vielleicht haben wir demnächst schon eure Noten…“ OK. Also das Kind hat bisher einen Mini-Vokabeltest geschrieben. Der erste große Vokabeltest ist ausgefallen, weil eine andere hysterische Helikoptermutter sich beschwert hat, dass die Kinder am Tag vor dem Test noch neue Vokabeln aufbekommen haben. Diese Klassenarbeit wäre nun also die erste Möglichkeit für uns paranoide Eltern herauszufinden, ob die ausreichende Englischnote sich manifestiert oder ob mit Abweichungen nach oben (oder unten) zu rechnen ist. Also, so ganz ohne Leistungserhebungen kann man ja schlecht Noten machen, oder? Und dann denke ich mir wieder: „Hallo? Wie kommst Du eigentlich darauf, dass es irgendeine Relevanz hat, nach zweieinhalb Monaten 5. Klasse den genauen Wasserstand in Englisch zu kennen? Da kräht doch in 8 Jahren kein Hahn mehr nach…“

Jetzt bin ich etwas ratlos. Vielleicht hätte ich meine Helikopter-Energien mal lieber in der Grundschulzeit darauf verwenden sollen, dass das Kind richtig schreiben lernt. Dann wäre ich jetzt für die Gymnasialzeit etwas abgehärtet und das Kind könnte seine Beschwerden selbst und in schriftlicher Form vorbringen, ganz ohne mich. Und nein – bitte keine Ratgeberempfehlungen jetzt. Danke!

Heilen mit der Kraft der Natur – Prof. Dr. Andreas Michalsen (Rezension)

Wer mich kennt, weiß, dass ich eine „bekennende“ Schulmedizinerin bin, bzw. dass ich als Naturwissenschaftlerin bestimmten scharlatanischen Strömungen der Komplementär- oder Alternativmedizin gegenüber sehr abgeneigt bin. Aber: Natürlich weiß ich, dass Pflanzen Inhaltsstoffe aufweisen, die heilen können, dass es eine enge Verbindung zwischen Körper und Geist gibt, dass der Placebo-Effekt „wirkt“ und dass es viele Möglichkeiten abseits von Medikamenten gibt, um Wohlbefinden und Gesundheit herzustellen.

Dass Prof. Dr. Andreas Michalsen ein in Deutschland sehr renommierter Professor für klinische Naturheilkunde ist, wusste ich, und es hat mich interessiert, was ein solcher Mann in einem Bestseller-Titel zur Naturheilkunde und Alternativmedizin zu sagen hat. Deshalb las ich dieses Buch und war wirklich positiv überrascht! Das Buch ist seriös, nahezu alle Aussagen werden mit Studien unterfüttert und mein Reizthema, mit dem man mich bei drei auf den Baum bekommt (Homöopathie!) wurde mit keiner Silbe erwähnt. Systematisch werdend verschiedene alternative Behandlungskonzepte, worunter natürlich auch die großen Themen Ernährung und Bewegung fallen, unter die Lupe genommen und ihren Einfluss auf die Gesundheit und verschiedene Erkrankungen beschrieben. Thesen, die man in letzter Zeit schon oft gehört hat, wie
– Ausdauersport ist bei Depressionen genauso wirksam wie Medikamente
– durch eine Ernährungsumstellung kann die Insulinpflichtigkeit von Diabetes Typ 2 reduziert werden
– Heilfasten hat einen positiven Effekt insbesondere auf rheumatische Erkrankungen (und viele weitere)
– Intermittierendes Fasten mit längeren Nahrungsaufnahmepausen tut dem menschlichen Körper gut
werden aufgegriffen und belegt. Aber man lernt auch einiges Neues, z.B. dass die Blutegeltherapie bei Kniearthrose hervorragend wirkt (Mama!) und dass es bei der Akupunktur womöglich doch auf das korrekte Setzen der Nadeln ankommt.

Das Buch ist eigentlich ein Lebens- und kein Krankheitsratgeber. Der Autor schreibt sehr unterhaltsam und gut verständlich und erzählt an vielen Stellen, wie er selbst verschiedene gesundheitsfördernde Maßnahmen in sein Leben integriert und widmet dem sogar ein eigenes (letztes) Kapitel. So gesehen ist dieses Buch eigentlich ein großes Plädoyer für Prävention statt Heilung. Man liest zwar viel Altbekanntes, jedoch sind die Aussagen und Zusammenhänge so gut dargelegt, beschrieben und wissenschaftlich unterfüttert, dass sich der eine oder andere bisher eher abschätzige Blick auf viel gehörte „Binsenweisheiten“ zum Thema Gesundheit zu echten Erkenntnissen verwandelt, die sich im eigenen Leben eventuell doch zu berücksichtigen lohnen.

Fazit: Mir hat dieses Buch zu meiner eigenen Überraschung sehr gut gefallen.

Die Mansarde – Marlen Haushofer (Rezension)

Meinen ersten Kontakt mit Marlen Haushofer hatte ich im Jahr 2012, als ihr berühmtestes Werk „Die Wand“ im Kino erschien. Ich war sehr begeistert von dem Film, ohne die Bücher dieser bereits 1920 geborenen und bereits im Alter von 49 Jahren an Krebs verstorbenen österreichischen Schriftstellerin zu kennen. Die Romanvorlage lief mir dann zum Glück in diesem Sommer im Urlaub in der Gästebibliothek eines südfranzösischen Campingplatzes über den Weg – ich wollte das Buch immer schon lesen (meistens macht man das ja nach dem Konsum der Verfilmung nicht mehr) und oh – wie sehr habe ich die Lektüre genossen und so viele neue und andere Aspekte, als sie der Film zu vermitteln vermochte, in dem Roman dieser brillanten Autorin entdeckt. Die genauen und schonungslosen Beschreibung ihres Innenlebens sowie ihre exakten Beobachtungen der Außenwelt haben mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und extrem neugierig gemacht auf Mehr.

Zuerst las ich die Novelle „Wir töten Stella“ – ein großartiges Buch, das in einem sehr verstörenden familiären Setting spielt – ganz ähnlich dem Buch, von dem ich hier berichten möchte. Anschließend versuchte ich mich an der „Tapetentür“. Die Lektüre dieses Buchs habe ich abgebrochen, aber ich habe mir fest vorgenommen, dem Titel noch eine Chance zu geben, mit etwas mehr Muse als bei der ersten Lektüre. Schließlich widmete ich mich mit Erfolg dem Buch „Die Mansarde“ und ich habe durchgehalten – auch wenn es zwischendurch nicht einfach war.

Marlen Haushofer erzählt in diesem 200 Seiten langen Buch (wie in fast allen ihren Werken) aus der Ich-Perspektive. Sie erzählt das Alltagsleben einer Frau von Sonntag bis Sonntag, gespickt mit Reflektionen in die Vergangenheit und Tagebucheinträgen, die sie einige Jahre früher verfasst hatte und verschollen glaubte, dann aber von einem mysteriösen Absender Tag für Tag per Post zugeschickt bekommt. Ich möchte nicht vorweg nehmen, was in dieser Zeit, von der die Tagebucheinträge berichten, geschah, aber der „Vorfall“ veränderte alles und brachte eine Zäsur in das Beziehungsgefüge der Familie, die neben der Protagonistin noch aus ihrem Mann Hubert, dem erwachsenen Sohn Ferdinand und der kleinen und für die Mutter wenig bedeutsamen Nachzügler-Tochter Ilse besteht. Haushofer analysiert aus der elegischen und fast schon fatalistischen Perspektive der Erzählerin die komplizierten und surreal anmutendenen Befindlichkeiten und Beziehungen der Familienmitglieder untereinander. Alle Familienmitglieder wirken einerseits überzeichnet in ihren Charaktereigenschaften, andererseits bleiben sie dem Leser aufgrund der extrem subjektiven Beschreibungen der Ich-Erzählerin doch sehr fremd und unnahbar.

Aus einer Anfangs glücklichen Beziehung mit Hubert, bei der zu Beginn jeder der beiden Partner seine Vorteile zog, entwickelte sich mit der Zeit eine Gemeinschaft, in der schließlich jeder emotional für sich bleibt und sich mit seinen eigenen Bedürfnissen, die vom anderen nicht erfüllt und befriedigt werden können, einrichtet. Dabei scheint die Protagonistin ihre eigenen Wünsche kaum mehr wahrzunehmen, sie ergibt sich der Situation, beobachtet sich und die anderen dabei aber ganz genau und schafft es, ihre Erkenntnisse und Schlussfolgerungen gnadenlos und ungefiltert zu beschreiben. Der unerhörte „Vorfall“, der die Familiengeschichte in ein „Davor“ und ein „Danach“ splittet, erschließt sich beim Lesen erst mit der Zeit, bleibt aber letztendlich doch so diffus und absurd, dass er als Platzhalter für jedes andere einschneidende Ereignis stehen könnte, das die vorbestehenden Risse in der Struktur dieser Familie endgültig zum Bersten bringt.

„Die Mansarde“ ist im Grunde genommen ein sehr leises Buch, dessen Wucht in den exakten Beobachtungen und verstörend offen geschilderten familiären Entfremdungen liegt. Besonders irritierend dabei ist – gerade wenn man selbst Mutter ist – die schonungslos beschriebene Distanz der Mutter zu ihren Kindern. Ich konnte mich bei der Lektüre schwer abgrenzen und fühlte mich von den Gedanken der Ich-Erzählerin unangenehm intensiv und gleichzeitig fasziniert durchdrungen. Ein besonderes Leseerlebnis, für das man etwas Ruhe und emotionale Offenheit mitbringen muss und das umso eindrücklicher ist, je mehr man sich die Zeit vergegenwärtigt, in der die Autorin gelebt und geschrieben hat.